09.10.2010

Lektion 16: Der trockene Martini



Zu den unterhaltsamsten Künstler-Autobiographien zählen die Lebenserinnerungen des spanischen Regisseurs Luis Buñuel: "Mein letzter Seufzer". Kein "Wie-ich-Filme-machte"-Langweiler, sondern Weisheiten und Savoir Vivre pur. Bemerkenswert zum Beispiel die Reflexionen über den Verlust der eigenen Libido, von dem alternden Buñuel offenbar herbeigesehnt wie eine Art der Befreiung. Nach dem die sexuelle Lust ausgebrannt ist, widmet er sich fortan seiner zweiten großen Leidenschaft - dem Martini-Cocktail. Was ihn keinesfalls gleich zu einem Trinker macht - zwei Stück pro Tag sind genug. Die wollen jedoch sorgfältig zubereitet sein... Diese Passagen sind kapitelfüllend.

"Wie" man den Drink zubereitet, darüber ist freilich genug geschrieben worden. Allerdings, wie man über dieses "wie" trefflich streiten und diskutieren kann, das zeigt Buñuel in einer Sequenz seines in gewohnt surrealer Manier geschaffenen Films "Der diskrete Charme der Bourgeoisie": Wieder einmal wartet die Gesellschaft der sechs Protagonisten auf das gemeinsame Diner. Monsieur Thévenot bereitet derweil Martini-Cocktails zu: "Chèrie, so wie du ihn trinkst, so war er einmal in den 30er Jahren in New York Mode, aber ich mag ihn lieber so - mit einem Spritzer Pernod."

Schließlich muß auch noch Maurice, der Chauffeur, für eine Demonstration herhalten. Der arme Tor bedankt sich artig für die Einladung, stürzt den Dry Martini dann aber hinunter ohne abzusetzen. Verhaltensstudien: "Habt ihr es gesehen? DAS war das typische Beispiel, wie man einen trockenen Martini NICHT trinken sollte!" Madame Thévenot jedoch entschuldigt den Proleten: "Er ist ein Mann aus dem Volke, er hat nun mal keine Kinderstube!" Tja, heute sagte man wohl: dumm gelaufen.

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Übrigens: besonders im angelsächsischen Raum macht es Spaß, den Martini als "Montgomery" zu bestellen, benannt nach dem britischen General im Zweiten Weltkrieg Sir Bernard Law Montgomery. Man sagte ihm nach, daß er erst dann seinen Widersacher, den deutschen "Wüstenfuchs" General Rommel, wagte anzugreifen, wenn seine Truppen denen der Wehrmacht 15:1 überlegen waren. In Harry's Bar in Venedig, wo der "Montgomery" erfunden wurde, beschränkt man sich auf ein Mischungsverhältnis von 10 Teilen Gin zu 1 Teil Vermouth. Das ist also nachgerade schmeichelhaft für den ängstlichen General, aber immer noch ein harter Drink für jeden Martini-Fan. Salute!

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